Freitag, 4. November 2016

Tag 4. 6799 Wörter. Frau Meier ist sehr kooperativ.

Frau Meier ist in der Psychiatrie angekommen und findet es doof da. Das lässt sich aber jetzt nicht mehr ändern. 

Tja. Hier bin ich jetzt also. Birgit Meier, die coole, gut ausgebildete, kontrollierte und disziplinierte Birgit Meier befindet sich auf Station B3. Auf eigenen Wunsch. Selbstverantwortung und Zurechnungsfähigkeit habe ich spätestens an der Pforte abgegeben, wenn sie mir nicht schon früher und von mir unbemerkt abhanden gekommen sind. Wer zu blöd ist, sich abzumurksen, gehört eben weggesperrt.
Eines ist sicher: Ich bin absolut ergebnisoffen. Ich lasse mich jetzt einfach in Fremdbestimmung und Zweibettzimmer fallen. Meine Zimmergenossin ist nichts weniger als ein Geschenk; ich glaube, die ist völlig durchgeschallert. Erzählt irgendwas von Türkei und Lebenspartner und dass sie da wieder hin will, aber nicht kann, weil man sie hier festhält. Naja. Einfach nicken, Meierchen, immerhin hast Du mal systemische Beratung gelernt. In ihrem System gibt es die Türkei, einen Kerl und ein schickes Häuschen am Strand. Und überhaupt ist mir doch scheißegal, welche Macke die hat!

Die Aufnahme war eine Aufnahme light. Die Ärztin vom Dienst ist dauernd rausgerannt, weil sie irgendwelche anderen Bekloppten begrüßen musste. Aber ich scheine einen einigermaßen sortierten und zurechnungsfähigen Eindruck gemacht zu haben; immerhin hat sie mich jedesmal mit allen ihren Akten allein gelassen. Ich hatte aber keine Lust, welche zu lesen. Überhaupt – dieses Mädel mit dem „AvD“-Schildchen am Revers könnte meine Tochter sein! Wie will die mir denn helfen? Die hat doch wahrscheinlich vor ein paar Monaten erst Diplom gemacht! Bin gespannt, ob es noch irgendein therapeutisches Gespräch mit einem von mir ernst zu nehmenden Arzt gibt. Oder wollen die mich jetzt nur ablegen? Egal. Ich bin hier. Ich gehe nicht weg (darf ich auch gar nicht, sagt die Pflegefachkraft), und ich habe Zeit.

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