Montag, 28. November 2016

Tag 28. 38.371 Wörter. 87 Seiten. Frau Meier wird immer vergnügter.

Heute war es sehr schön draußen: Erst neblig, dann sonnig, mit wabernden Nebelschwaden, die direkt an meinem Fenster vorbeigezogen sind. Später war der Himmel quietschblau, und es wurde fast ein bisschen warm. Dann ging die Sonne wieder weg, die Autoscheiben froren zu, sternenklarer Himmel.
Dazwischen waren etwas mehr als 6300 geschriebene Wörter, Pelze lüften (das sind unsere beiden Hunde, von denen Sie gehört haben werden, wenn Sie die Randbemerkungen lesen - http://denkversuche.blogspot.de), essen, Kaffee trinken, kleine gymnastische Übungen, Wäsche waschen, Pelze lüften...

Frau Meier geht es noch ein bisschen besser; heute hatte sie sogar Spaß. Hat ihre innere Stimme niedergerungen, sich erst zum Kaffee und dann fürs Kino verabredet. Und jetzt geht sie sogar mit einigen Mitpatienten frühstücken!
Es ist Sonntag, Frau Meier ist seit einer Woche in der Psychiatrie und macht sich Gedanken darüber, dass sie sich zu wohl fühlen könnte.

Wochenende. Immer noch. Es regnet, und die Nacht war durchwachsen. Das macht mir aber jetzt, da ich aufgewacht und nicht vor Schreck gestorben bin, nichts mehr aus. „Denk nicht einmal daran, irgendeinen Kommentar zu diesem Gedanken zu äußern!“ warne ich meine innere Stimme, die sich erstaunlicherweise ruhig verhält und mich nicht an meine ursprünglichen Pläne beim Betreten dieser Anstalt erinnert. Heute vor einer Woche habe ich mich hier abgegeben, und es fühlt sich so an, als wäre ich niemals woanders gewesen. Das macht mir ein bisschen Sorge. Ich habe bei einer Fortbildung mal von einem Exhibitionisten erzählen hören, der aufgrund seiner zwanghaften Striptease-Einlagen in der geschlossenen Abteilung einer ähnlichen Einrichtung gelandet ist, wie ich sie gerade bewohne. Man hat ihn therapiert, in Selbsthilfegruppen geschickt, mit ihm das angezogene Leben in der Öffentlichkeit geübt, und er schien froh und glücklich bei dem Gedanken, bald entlassen zu werden. Allerdings hatte er in seinen letzten Lebensjahren nur wenig Zeit in Freiheit verbracht, weil er sich gern sofort nach der Entlassung wieder nackig gemacht hat. Die Psychiatrie war der letzte verzweifelte Versuch eines wohlmeinenden Richters, den Mann zu resozialisieren. Im Knast hatte es ja nicht funktioniert.
Man organisierte ihm eine Wohnung, einen Bewährungshelfer, einen Sozialarbeiter, eine Selbsthilfegruppe und eine Therapeutin. Dem neuen Leben stand nichts mehr im Weg. Der Mann wurde vom gesamten Team verabschiedet; jeder einzelne war stolz darauf, an dieser wunderbaren Entwicklung beteiligt gewesen zu sein. Ein unheilbarer Fall konnte aufgrund der guten Arbeit auf der Station als geheilt entlassen werden! Die Prognosen waren gut. Die Türen des Krankenhauses schlossen sich hinter ihm, sein Bewährungshelfer nahm ihn in Empfang und brachte ihn zu seinem neuen Zuhause. Er hatte ein gutes Gefühl, als er den Mann nach einem kurzen Gespräch und einer Terminvereinbarung dort zurückließ. Dieser würde seinen Weg machen!
Der nächste Weg des Mannes führte ihn direkt an eine belebte Kreuzung. Dort stellte er den Koffer mit seinen Habseligkeiten, den er gar nicht erst ausgepackt hatte, ab, öffnete seinen Mantel, den Reißverschluss seiner Hose und holte seinen kleinen Freund heraus, um diesem die Freiheit zu zeigen.
Bald darauf war er wieder auf Station. Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als er in sein altes Zimmer gebracht wurde. „Ach, am schönsten ist es doch daheim!“ verkündete er in Anlehnung an ein bekanntes Musical, legte sich auf sein Bett, schloss die Augen und schlief den Schlaf der Gerechten.
Sein Psychiater nannte das „ambivalente Gefühle“. Ich nenne es „Angst vor da draußen“ und hoffe, dass es bei mir noch nicht so weit ist.

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