Dazwischen waren etwas mehr als 6300 geschriebene Wörter, Pelze lüften (das sind unsere beiden Hunde, von denen Sie gehört haben werden, wenn Sie die Randbemerkungen lesen - http://denkversuche.blogspot.de), essen, Kaffee trinken, kleine gymnastische Übungen, Wäsche waschen, Pelze lüften...
Frau Meier geht es noch ein bisschen besser; heute hatte sie sogar Spaß. Hat ihre innere Stimme niedergerungen, sich erst zum Kaffee und dann fürs Kino verabredet. Und jetzt geht sie sogar mit einigen Mitpatienten frühstücken!
Es ist Sonntag, Frau Meier ist seit einer Woche in der Psychiatrie und macht sich Gedanken darüber, dass sie sich zu wohl fühlen könnte.
Wochenende.
Immer noch. Es regnet, und die Nacht war durchwachsen. Das macht mir
aber jetzt, da ich aufgewacht und nicht vor Schreck gestorben bin,
nichts mehr aus. „Denk nicht einmal daran, irgendeinen Kommentar zu
diesem Gedanken zu äußern!“ warne ich meine innere Stimme, die
sich erstaunlicherweise ruhig verhält und mich nicht an meine
ursprünglichen Pläne beim Betreten dieser Anstalt erinnert. Heute
vor einer Woche habe ich mich hier abgegeben, und es fühlt sich so
an, als wäre ich niemals woanders gewesen. Das macht mir ein
bisschen Sorge. Ich habe bei einer Fortbildung mal von einem
Exhibitionisten erzählen hören, der aufgrund seiner zwanghaften
Striptease-Einlagen in der geschlossenen Abteilung einer ähnlichen
Einrichtung gelandet ist, wie ich sie gerade bewohne. Man hat ihn therapiert, in
Selbsthilfegruppen geschickt, mit ihm das angezogene Leben in der
Öffentlichkeit geübt, und er schien froh und glücklich bei dem
Gedanken, bald entlassen zu werden. Allerdings hatte er in seinen
letzten Lebensjahren nur wenig Zeit in Freiheit verbracht, weil er
sich gern sofort nach der Entlassung wieder nackig gemacht hat. Die
Psychiatrie war der letzte verzweifelte Versuch eines wohlmeinenden
Richters, den Mann zu resozialisieren. Im Knast hatte es ja nicht
funktioniert.
Man
organisierte ihm eine Wohnung, einen Bewährungshelfer, einen
Sozialarbeiter, eine Selbsthilfegruppe und eine Therapeutin. Dem
neuen Leben stand nichts mehr im Weg. Der Mann wurde vom gesamten
Team verabschiedet; jeder einzelne war stolz darauf, an dieser
wunderbaren Entwicklung beteiligt gewesen zu sein. Ein unheilbarer
Fall konnte aufgrund der guten Arbeit auf der Station als geheilt
entlassen werden! Die Prognosen waren gut. Die Türen des
Krankenhauses schlossen sich hinter ihm, sein Bewährungshelfer nahm
ihn in Empfang und brachte ihn zu seinem neuen Zuhause. Er hatte ein
gutes Gefühl, als er den Mann nach einem kurzen Gespräch und einer
Terminvereinbarung dort zurückließ. Dieser würde seinen Weg
machen!
Der
nächste Weg des Mannes führte ihn direkt an eine belebte Kreuzung. Dort
stellte er den Koffer mit seinen Habseligkeiten, den er gar nicht
erst ausgepackt hatte, ab, öffnete seinen Mantel, den Reißverschluss
seiner Hose und holte seinen kleinen Freund heraus, um diesem die
Freiheit zu zeigen.
Bald
darauf war er wieder auf Station. Er strahlte wie ein
Honigkuchenpferd, als er in sein altes Zimmer gebracht wurde. „Ach,
am schönsten ist es doch daheim!“ verkündete er in Anlehnung an
ein bekanntes Musical, legte sich auf sein Bett, schloss die Augen
und schlief den Schlaf der Gerechten.
Sein
Psychiater nannte das „ambivalente Gefühle“. Ich nenne es „Angst
vor da draußen“ und hoffe, dass es bei mir noch nicht so weit ist.
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