Dienstag, 1. November 2016

Kapitel 1 - ganz am Anfang

Birgit Meier stellte ihr Auto auf dem Parkplatz des psychiatrischen Fachklinikums ab. Sie legte die Parkscheibe aufs Armaturenbrett und fragte sich, ob sie noch die Gelegenheit haben würde, das Auto umzuparken, wenn die sie dabehielten. Und das würden sie. Immerhin hatte sie noch einiges an Restalkohol in und eine Nacht, in der sie den Tank fast leer gefahren hatte auf der Suche nach einem geeigneten Baum, hinter sich und sah auch so aus.
Sie streichelte versonnen das Lenkrad. „Ach, mein Kleiner, wir werden uns wohl länger nicht sehen.“ erklärte sie ihrem Auto. Allein das, was sie jeden Tag ihrem Lenkrad erzählte, würde ja schon ausreichen, um sie wegzusperren. Aber war das denn ein Wunder? Ihre kleine schwarze Rennmaschine, wie sie den Wagen liebevoll nannte, war Freund, Beichtvater, Komplize (vor allem bei ihren täglichen Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung), Urlaubsbegleitung, Heimstatt, Höhle und Gefechtsstand in einem. Jeder Mensch brauchte eine Beziehung. Und weil Frau Meier vor lauter Eigenbrötelei die Kontakte zu anderen seit langer Zeit vernachlässigte, musste eben das Auto herhalten.
„Ach Kerlchen, was mache ich denn bloß mit Dir!“ seufzte sie. „Ich kann Dich doch nicht einfach hier stehenlassen; nachher wirst Du noch abgeschleppt.“ Aber die würden sie garantiert nicht so schnell wieder herauslassen, und schon gar nicht würden sie ihr erlauben, ihr Auto umzuparken, wenn sie erst einmal erzählt hatte, warum sie gekommen war. „Ist doch eh egal. Ich habe es doch die ganze Nacht nicht geschafft, mich umzubringen, dann werde ich wohl jetzt noch einen ordentlichen Parkplatz für Dich finden können.“ Birgit Meier holte tief Luft, drehte den Zündschlüssel und fuhr wieder vom Parkplatz herunter. Gleich neben dem Krankenhaus hatte sie ein Wohngebiet ausgemacht. Dort würde die kleine Rennmaschine gut und sicher stehen, und sie könnte ihn ab und zu besuchen.

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