Sonntag, 27. November 2016

Tag 27: 32062 Wörter. 74 Seiten.

Ist ja auch nicht mehr viel Zeit. Eine Entschuldigung habe ich nicht, jedenfalls keine akzeptable. Darum werde ich Sie auch nicht mit irgendwelchen Ausreden langweilen. Schriftstellerinnen sind gern einmal ein wenig unstet in ihrem Wirken.
Ich weiß, dass ich noch drei Tage habe. Ich weiß weiterhin, dass in mir ein Kampfschwein wohnt, das dieses Jahr einen Marathon mit 1100 Höhenmetern und einen am Strand, also im Sand gelaufen ist. Ich war dabei, allerdings nicht aktiv. Dieses Kampfschwein tritt immer dann auf den Plan, wenn ich in Druck komme. Dann übernimmt es die Regie, und alles wird gut. Vorausgesetzt natürlich, dass es vorher meinen inneren Schweinehund mit einem gezielten Schlag ins Traumland geschickt hat.

Frau Meier hat auch ein inneres Kampfschwein, das gerade vorsichtig um die Ecke lugt.  Inzwischen hat sie noch ein paar weitere Pflegekräfte und ihre Therapeutin kennengelernt, Rudelatmen verweigert und sich von Bodo, ihrem Mitpatienten, mehr oder weniger geduldig eine Geschichte über einen Schriftsteller angehört, der versucht, aus Publicitygründen einen spektakulären Selbstmord hinzulegen. Das hat aber nicht funktioniert.

Wir befinden uns jetzt an Tag 7 in der Morgenrunde. Auftritt Frau Weigel, die gerade eine Ausbildung zur Entspannungstrainerin macht, heute die Morgenrunde anleitet und mal ganz etwas anderes machen möchte.

Heute machen wir mal etwas ganz anderes. Holen Sie sich doch Ihre Jacken, und wir treffen uns gleich draußen.“ Mir schwant Unheil. Die Frau macht eine Ausbildung zur Entspannungstrainerin, will das neu Gelernte ausprobieren, und wir sind die Versuchskaninchen. Ich gebe mir überhaupt keine Mühe, mich zu beeilen, hole mir noch einen Kaffee und finde mich nach guten fünf Minuten vor der Eingangstür ein. Die anderen sind schon da und gucken ausnahmslos sparsam. Was mich nicht verwundert. Man hat sich ja an ein gewisses Ritual gewöhnt: In der ersten Woche wird jeden Morgen drei Minuten geatmet, danach etwas dazu gesagt und eine positive Aktivität genannt. Ob man die dann auch macht, ist völlig gleichgültig, weil es von niemandem überprüft wird. Und jetzt wird diese schöne Gemütlichkeit unterbrochen. Aber Depressive wollen nicht bespaßt werden, und sie wollen sich auch nicht entspannen. Die wollen einfach in Ruhe depressiv sein dürfen und allenfalls regelmäßig ihre Pillen abholen. Aber Frau Weigel scheint wild entschlossen, uns etwas vollkommen Neues und Aufregendes zu bieten und ignoriert geflissentlich die abweisenden Gesichter ihrer Schäflein. „So, wir gehen jetzt mal da vorn auf die Wiese.“ Sie zeigt auf den Rasen direkt vor der Pforte des Hauptgebäudes. Das meint die doch wohl nicht ernst! Als wäre es nicht genug, dass man sich in der Klappse hat einsperren lassen! Nein, man soll sich auch noch vor Besuchern, Ärzten und Zivilpersonen zum Deppen machen! Nicht mit mir! Ich trotte in Superzeitlupe hinterher. Da alle trotten, merkt das aber niemand. „Na, kommen Sie! Nicht so müde. Es ist so schönes Wetter!“ Die Munterkeit von Frau Weigel geht mir zunehmend auf die Nerven. „Jetzt stellen Sie sich doch bitte im Kreis auf, lassen locker die Arme hängen und schließen die Augen.“ weist sie uns an. „Die hat ja wohl nicht alle an der Waffel!“ flüstert Gerwig neben mir erbost, stellt sich aber brav in den Kreis. Ich bleibe in sicherem Abstand auf dem Weg stehen, verschränke meine Arme und setze mein unfreundlichstes Gesicht auf. So etwas kann ich gut. „Frau Meier, stellen Sie sich doch bitte auch in den Kreis!“ ruft Frau Weigel. Ich ignoriere sie und schaue zur Pforte, wo gerade ein sichtlich alkoholisierter Mensch von zwei Pflegern aus dem Rettungswagen geschleift wird. Ob der freiwillig darum ersucht hat, hier eine Entgiftung machen zu dürfen? Sehr viel später erfahre ich von Markus, dass es „sein“ Richter ist. Nachdem er sich für alle Casinos an seinem Wohnsitz und in den anliegenden Bundesländern hat sperren lassen, muss er es wohl mit der Suchtverlagerung etwas übertrieben haben. Markus wusste zu berichten, dass er sternhagelvoll und mit offener Hose an einem Kinderspielplatz aufgegriffen worden ist, während er versucht hat, die Kinder davon zu überzeugen, die Todesstrafe wieder einzuführen.
Mir ist das trotz der Unterbrechung viel zu blöd, und ich rufe quer über den Gehweg: „Sorry, muss weg, da ist eine Panikattacke im Anmarsch!“, drehe mich um und renne in Richtung 9.3. Für die vier Mitpatienten, die ebenfalls beschlossen haben, dass eine Panikattacke die Ausrede der Wahl ist, bin ich zu schnell, aber ich höre sie hinter mir schnaufen. Es sind Armin, Elke, Maik und Herbert.
Die anderen erzählen uns später, dass sie erst die Arme zum Himmel strecken sollten, um die Sonne zu begrüßen, sich dann nach unten ausschütteln und dabei prusten mussten, um sich zum Schluss an den Händen zu halten und gemeinsam drei tiefe Atemzüge zu tun. Ich frage mich einmal mehr, wer hier auf welche Seite der symbolischen Gitterstäbe gehört.

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