Ich weiß, dass ich noch drei Tage habe. Ich weiß weiterhin, dass in mir ein Kampfschwein wohnt, das dieses Jahr einen Marathon mit 1100 Höhenmetern und einen am Strand, also im Sand gelaufen ist. Ich war dabei, allerdings nicht aktiv. Dieses Kampfschwein tritt immer dann auf den Plan, wenn ich in Druck komme. Dann übernimmt es die Regie, und alles wird gut. Vorausgesetzt natürlich, dass es vorher meinen inneren Schweinehund mit einem gezielten Schlag ins Traumland geschickt hat.
Frau Meier hat auch ein inneres Kampfschwein, das gerade vorsichtig um die Ecke lugt. Inzwischen hat sie noch ein paar weitere Pflegekräfte und ihre Therapeutin kennengelernt, Rudelatmen verweigert und sich von Bodo, ihrem Mitpatienten, mehr oder weniger geduldig eine Geschichte über einen Schriftsteller angehört, der versucht, aus Publicitygründen einen spektakulären Selbstmord hinzulegen. Das hat aber nicht funktioniert.
Wir befinden uns jetzt an Tag 7 in der Morgenrunde. Auftritt Frau Weigel, die gerade eine Ausbildung zur Entspannungstrainerin macht, heute die Morgenrunde anleitet und mal ganz etwas anderes machen möchte.
„Heute
machen wir mal etwas ganz anderes. Holen Sie sich doch Ihre Jacken,
und wir treffen uns gleich draußen.“ Mir schwant Unheil. Die Frau
macht eine Ausbildung zur Entspannungstrainerin, will das neu Gelernte ausprobieren, und wir sind die Versuchskaninchen.
Ich gebe mir überhaupt keine Mühe, mich zu beeilen, hole mir noch
einen Kaffee und finde mich nach guten fünf Minuten vor der
Eingangstür ein. Die anderen sind schon da und gucken ausnahmslos
sparsam. Was mich nicht verwundert. Man hat sich ja an ein gewisses
Ritual gewöhnt: In der ersten Woche wird jeden Morgen drei Minuten
geatmet, danach etwas dazu gesagt und eine positive Aktivität
genannt. Ob man die dann auch macht, ist völlig gleichgültig, weil es von niemandem überprüft wird.
Und jetzt wird diese schöne Gemütlichkeit unterbrochen. Aber Depressive
wollen nicht bespaßt werden, und sie wollen sich auch nicht
entspannen. Die wollen einfach in Ruhe depressiv sein dürfen und
allenfalls regelmäßig ihre Pillen abholen. Aber Frau Weigel scheint
wild entschlossen, uns etwas vollkommen Neues und Aufregendes zu
bieten und ignoriert geflissentlich die abweisenden Gesichter ihrer
Schäflein. „So, wir gehen jetzt mal da vorn auf die Wiese.“ Sie
zeigt auf den Rasen direkt vor der Pforte des Hauptgebäudes. Das meint die doch wohl nicht ernst! Als wäre es nicht genug,
dass man sich in der Klappse hat einsperren lassen! Nein, man soll
sich auch noch vor Besuchern, Ärzten und Zivilpersonen zum Deppen
machen! Nicht mit mir! Ich trotte in Superzeitlupe hinterher. Da alle
trotten, merkt das aber niemand. „Na, kommen Sie! Nicht so müde.
Es ist so schönes Wetter!“ Die Munterkeit von Frau Weigel geht mir
zunehmend auf die Nerven. „Jetzt stellen Sie sich doch bitte im
Kreis auf, lassen locker die Arme hängen und schließen die Augen.“
weist sie uns an. „Die hat ja wohl nicht alle an der Waffel!“
flüstert Gerwig neben mir erbost, stellt sich aber brav in den
Kreis. Ich bleibe in sicherem Abstand auf dem Weg stehen, verschränke
meine Arme und setze mein unfreundlichstes Gesicht auf. So etwas kann
ich gut. „Frau Meier, stellen Sie sich doch bitte auch in den
Kreis!“ ruft Frau Weigel. Ich ignoriere sie und schaue zur Pforte,
wo gerade ein sichtlich alkoholisierter Mensch von zwei Pflegern aus
dem Rettungswagen geschleift wird. Ob der freiwillig darum ersucht
hat, hier eine Entgiftung machen zu dürfen? Sehr viel später
erfahre ich von Markus, dass es „sein“ Richter ist. Nachdem er
sich für alle Casinos an seinem Wohnsitz und in den anliegenden
Bundesländern hat sperren lassen, muss er es wohl mit der
Suchtverlagerung etwas übertrieben haben. Markus wusste zu
berichten, dass er sternhagelvoll und mit offener Hose an einem
Kinderspielplatz aufgegriffen worden ist, während er versucht hat,
die Kinder davon zu überzeugen, die Todesstrafe wieder einzuführen.
Mir ist das trotz der Unterbrechung viel zu blöd, und ich rufe quer über den Gehweg:
„Sorry, muss weg, da ist eine Panikattacke im Anmarsch!“, drehe
mich um und renne in Richtung 9.3. Für die vier Mitpatienten, die
ebenfalls beschlossen haben, dass eine Panikattacke die Ausrede der
Wahl ist, bin ich zu schnell, aber ich höre sie hinter mir
schnaufen. Es sind Armin, Elke, Maik und Herbert.
Die
anderen erzählen uns später, dass sie erst die Arme zum Himmel
strecken sollten, um die Sonne zu begrüßen, sich dann nach unten
ausschütteln und dabei prusten mussten, um sich zum Schluss an den Händen
zu halten und gemeinsam drei tiefe Atemzüge zu tun. Ich frage mich
einmal mehr, wer hier auf welche Seite der symbolischen Gitterstäbe
gehört.
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