Freitag, 11. November 2016

Tag 11: 19.057 Wörter. Frau Meier darf auf eine andere Station

Läuft bei mir! Erst vor kurzem habe ich gelernt, dass das Jugendsprech für "Es geht mir gut." ist. Und ich bin wirklich ziemlich zufrieden mit meinem Output; bisher hatte ich weder Durchhänger noch musste ich mich an den Schreibtisch zwingen. Ganz im Gegenteil: Ich schreibe gleich morgens als Zweites (was ich als Erstes tue, erzähle ich Ihnen vielleicht, wenn wir uns besser kennen und Sie meine Bücher gekauft haben), und dann muss ich mich richtiggehend losreißen von meinem Laptop.
Aber es gibt ja auch noch ein Leben neben dem NaNoWriMo...

Frau Meier darf umziehen auf die Station 9.3. Die ist auf Depressionen spezialisiert, und Frau Meier erhofft sich hier eine bessere Ausbeute für ihre Recherchen der bestmöglichen Selbstmordmethode. Aber bevor sie damit loslegen kann, stellt sie fest, dass die Patienten dort unglaublich nett sind und es viel besseres Essen gibt als auf der B3, wo sie zuerst war.
Okay, die Psychogruppe ist Mist, aber die verpflichtende Teilnahme daran ist im Nachhinein ein geringer Preis für Einzelzimmer und mitteilungsfreudige Leidensgenoss/innen.

Es kann sein, dass Sie bis Montag nichts von mir hören. Wir feiern Geburtstag, und da werde ich vielleicht nicht zum Schreiben kommen. Also machen Sie sich keine Sorgen - spätestens am Sonntagabend lesen wir uns wieder!

Und hier die nicht chronologisch aufbereitete Leseprobe. Wir befinden uns in der Psychogruppe, und es geht darum, woran man Depressionen erkennt und wie man sie am besten behandelt:

„Dann können wir ja loslegen!“ Herr Pulminski lächelt in die Runde und wühlt in seiner Plastikkiste. „Heute wollen wir darüber sprechen, wie man Depressionen behandelt und was man selbst tun kann, wenn man merkt, dass gerade wieder eine depressive Episode im Anmarsch ist. Lassen Sie uns vorher noch einmal die Symptome wiederholen!“ Oh nein, da meldet sich wieder das Plappermäulchen vom letzten Mal. Auch Herr Pulminski schaut sparsam. „Herr Kramer?“ fragt er vorsichtig. Der stammelt mit versagender Stimme: „Mir geht es heute gar nicht gut. Ich glaube, ich halte nicht durch. Darf ich mal rausgehen?“ Blödmann. Hätte er doch gleich wegbleiben können, statt hier so einen Aufriss zu machen! Aber Herr Pulminski scheint auf einer anderen Pflegeschule gelernt zu haben als das Personal von der B3. Er sagt voll empathisch: „Herr Kramer, Sie müssen sich doch nicht quälen! Für heute sind Sie entschuldigt. Gehen Sie am besten erst einmal zum Stationszimmer und fragen, ob jemand einen Moment Zeit für Sie hat!“ Boah, die haben hier Zeit? Möglicherweise reden die auch mit einem! „Das muss die Luxusstation des Krankenhauses sein!“ denke ich mir.
Kramer ab. Es meldet sich eine rothaarige Frau Anfang vierzig. „Frau Ludwig, bitte!“ fordert Herr Pulminski sie zum Reden auf. „Also, die klassischen Symptome sind Interesselosigkeit, Traurigkeit, Appetitlosigkeit, keine Freude mehr an Dingen, die einem sonst Spaß gemacht haben, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen, Grübeln, Verlust der Libido, Konzentrationsschwäche, innere Leere, keine Energie, Selbstzweifel, Alkoholmissbrauch, Selbstmordgedanken.“ rattert sie herunter. Na, da hat aber jemand seine Hausaufgaben gemacht! Oder sollte das eine Wiederholungstäterin sein? Ich nehme Frau Ludwig näher in Augenschein. Klein, drahtig, macht einen durchtrainierten Eindruck, kurze, dunkle Haare, ziemlich blass, Trainingsklamotten. Die könnte ich nach der Stunde mal ansprechen. Vielleicht hat sie ja schon ein paar Versuche hinter sich.
„Wunderbar!“ unterbricht Pulminski meine Gedanken. „Das ist eine vollständige Liste. Kann mir denn noch jemand sagen, welches die drei Hauptsymptome einer Depression sind?“ Nö. Das macht auch Frau Ludwig: „Verlust von Interesse, Antriebsstörung, depressive Stimmung, also Traurigkeit.“ Pulminski markiert die drei Punkte auf seinem Flipchart. „Hat noch jemand Fragen zum letzten Mal?“ Nichts regt sich. „Dann machen wir weiter. Wie kann man denn eine Depression behandeln?“ fragt er. Und legt gleich noch nach: „Und was kann man selber tun, wenn man merkt, dass es wieder losgeht?“ „Das klingt ja so, als würde man einen Schnupfen bekommen, nur dass es statt Halskratzen mit Traurigkeit losgeht.“ denke ich. Ich kann mir ja überhaupt nicht vorstellen, dass ich als Betroffene merke, wenn es passiert. Und selbst wenn, bin ich doch schon so neben der Kappe, dass ich auch überhaupt keine Lust habe, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Schlecht aufbereitet, der Vortrag. Aber wahrscheinlich macht der das auch nur nebenbei.
Es entwickelt sich eine einigermaßen muntere Diskussion über präventive Maßnahmen beim Wahrnehmen der ersten depressiven Anzeichen. Spazierengehen soll man. Ein heißes Bad nehmen. Einen schönen Film ansehen. Jemanden anrufen. Eben eine positive Aktivität ausführen. „Deswegen sind Sie ja schließlich hier: Sie wollen lernen, wie man mit der Krankheit umgeht!“ behauptet Pulminski. „Nö!“ denke ich. „Ich bin hier, weil ich dem ganzen Elend ein Ende setzen will. Also lass uns über Selbstmordmethoden reden!“ Aber das kann ich ja schlecht laut sagen.
„Und jetzt zurück zur Behandlung einer Depression. Was glauben Sie denn, was da ganz wichtig ist?“ Er schaut erwartungsvoll in die Runde.

Keine Kommentare: