Aber es gibt ja auch noch ein Leben neben dem NaNoWriMo...
Frau Meier darf umziehen auf die Station 9.3. Die ist auf Depressionen spezialisiert, und Frau Meier erhofft sich hier eine bessere Ausbeute für ihre Recherchen der bestmöglichen Selbstmordmethode. Aber bevor sie damit loslegen kann, stellt sie fest, dass die Patienten dort unglaublich nett sind und es viel besseres Essen gibt als auf der B3, wo sie zuerst war.
Okay, die Psychogruppe ist Mist, aber die verpflichtende Teilnahme daran ist im Nachhinein ein geringer Preis für Einzelzimmer und mitteilungsfreudige Leidensgenoss/innen.
Es kann sein, dass Sie bis Montag nichts von mir hören. Wir feiern Geburtstag, und da werde ich vielleicht nicht zum Schreiben kommen. Also machen Sie sich keine Sorgen - spätestens am Sonntagabend lesen wir uns wieder!
Und hier die nicht chronologisch aufbereitete Leseprobe. Wir befinden uns in der Psychogruppe, und es geht darum, woran man Depressionen erkennt und wie man sie am besten behandelt:
„Dann können wir ja loslegen!“
Herr Pulminski lächelt in die Runde und wühlt in seiner
Plastikkiste. „Heute wollen wir darüber sprechen, wie man
Depressionen behandelt und was man selbst tun kann, wenn man merkt,
dass gerade wieder eine depressive Episode im Anmarsch ist. Lassen
Sie uns vorher noch einmal die Symptome wiederholen!“ Oh nein, da
meldet sich wieder das Plappermäulchen vom letzten Mal. Auch Herr
Pulminski schaut sparsam. „Herr Kramer?“ fragt er vorsichtig. Der
stammelt mit versagender Stimme: „Mir geht es heute gar nicht gut.
Ich glaube, ich halte nicht durch. Darf ich mal rausgehen?“
Blödmann. Hätte er doch gleich wegbleiben können, statt hier so
einen Aufriss zu machen! Aber Herr Pulminski scheint auf einer
anderen Pflegeschule gelernt zu haben als das Personal von der B3. Er
sagt voll empathisch: „Herr Kramer, Sie müssen sich doch nicht
quälen! Für heute sind Sie entschuldigt. Gehen Sie am besten
erst einmal zum Stationszimmer und fragen, ob jemand einen Moment
Zeit für Sie hat!“ Boah, die haben hier Zeit? Möglicherweise
reden die auch mit einem! „Das muss die Luxusstation des
Krankenhauses sein!“ denke ich mir.
Kramer ab. Es meldet sich eine
rothaarige Frau Anfang vierzig. „Frau Ludwig, bitte!“ fordert
Herr Pulminski sie zum Reden auf. „Also, die klassischen Symptome
sind Interesselosigkeit, Traurigkeit, Appetitlosigkeit, keine Freude
mehr an Dingen, die einem sonst Spaß gemacht haben,
Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen, Grübeln, Verlust
der Libido, Konzentrationsschwäche, innere Leere, keine Energie,
Selbstzweifel, Alkoholmissbrauch, Selbstmordgedanken.“ rattert sie
herunter. Na, da hat aber jemand seine Hausaufgaben gemacht! Oder
sollte das eine Wiederholungstäterin sein? Ich nehme Frau Ludwig
näher in Augenschein. Klein, drahtig, macht einen durchtrainierten
Eindruck, kurze, dunkle Haare, ziemlich blass, Trainingsklamotten.
Die könnte ich nach der Stunde mal ansprechen. Vielleicht hat sie ja
schon ein paar Versuche hinter sich.
„Wunderbar!“ unterbricht
Pulminski meine Gedanken. „Das ist eine vollständige Liste. Kann
mir denn noch jemand sagen, welches die drei Hauptsymptome einer
Depression sind?“ Nö. Das macht auch Frau Ludwig: „Verlust von
Interesse, Antriebsstörung, depressive Stimmung, also Traurigkeit.“
Pulminski markiert die drei Punkte auf seinem Flipchart. „Hat noch
jemand Fragen zum letzten Mal?“ Nichts regt sich. „Dann machen
wir weiter. Wie kann man denn eine Depression behandeln?“ fragt er.
Und legt gleich noch nach: „Und was kann man selber tun, wenn man
merkt, dass es wieder losgeht?“ „Das klingt ja so, als würde
man einen Schnupfen bekommen, nur dass es statt Halskratzen mit
Traurigkeit losgeht.“ denke ich. Ich kann mir ja überhaupt
nicht vorstellen, dass ich als Betroffene merke, wenn es passiert.
Und selbst wenn, bin ich doch schon so neben der Kappe, dass ich auch
überhaupt keine Lust habe, irgendetwas dagegen zu unternehmen.
Schlecht aufbereitet, der Vortrag. Aber wahrscheinlich macht der das
auch nur nebenbei.
Es entwickelt sich eine
einigermaßen muntere Diskussion über präventive Maßnahmen beim
Wahrnehmen der ersten depressiven Anzeichen. Spazierengehen soll man.
Ein heißes Bad nehmen. Einen schönen Film ansehen. Jemanden
anrufen. Eben eine positive Aktivität ausführen. „Deswegen sind
Sie ja schließlich hier: Sie wollen lernen, wie man mit der
Krankheit umgeht!“ behauptet Pulminski. „Nö!“ denke
ich. „Ich bin hier, weil ich dem ganzen Elend ein Ende setzen
will. Also lass uns über Selbstmordmethoden reden!“ Aber das
kann ich ja schlecht laut sagen.
„Und jetzt zurück zur
Behandlung einer Depression. Was glauben Sie denn, was da ganz
wichtig ist?“ Er schaut erwartungsvoll in die Runde.
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