Aber heute haben Frau Meier und ich viel gemeinsam unternommen, sowohl gedanklich als auch auf dem Krankenhausgelände. Sie hat die Aufnahme hinter sich gebracht, es wurde eine mittlere depressive Episode diagnostiziert, und einen ersten Kontakt zu einem potentiellen Selbstmordberater konnte sie auch schon knüpfen.
Jetzt steht sie auf der Warteliste für die Station 9.3. Da wohnen die Depressiven. Und sie durfte schon eine Depressions-Infogruppe mitmachen.
Es geht voran. Aber jetzt habe ich auch Rücken, muss mich dringend ein bisschen bewegen (immerhin habe ich allein heute 3.280 Wörter geschrieben!) und an etwas anderes denken. Sonst werde ich wuschig.
Außerdem habe ich mir ganz fest vorgenommen, noch eine Randbemerkung zu schreiben. Die finden Sie dann hier: http://denkversuche.blogspot.de. Aber jetzt mache ich erst einmal Pause. Und wenn Sie nichts finden, schreibe ich morgen früh gleich als Erstes. Versprochen!
Selbstverständlich lasse ich Sie nicht ohne Leseprobe zum Abendessen gehen:
Ich habe die Blutdruckmesserei und meine Vitamine vergessen und muss
noch einmal los. Könnte mir bei der Gelegenheit gleich noch einen
Kaffee holen. Ich klopfe an der Glastür. Was völliger Blödsinn
ist, die Nachtschwester sitzt drin und könnte mich sehen, wenn sie
sich nur einmal umdrehen und ihren Job machen würde, statt an ihrem
Handy herumzuspielen. Sie guckt mich genervt an. Ich informiere sie
darüber, dass sie erstens noch ein Näpfchen für mich hat und
zweitens meinen Blutdruck eintragen muss. Nach der Einnahme der immer
noch ungefährlich aussehenden Pillen strecke ich meinen Arm aus,
sage „120:80, Ruhepuls wahrscheinlich jetzt 61, ich bin schnell
gegangen.“ Sie ignoriert das und schreibt wortlos meine Werte auf.
120:80, Ruhepuls 61. Dämliche Mistkuh. Wenigstens loben könnte sie
mich ja mal, dass ich meinen Körper so gut kenne! „Tja, wieder
eine Tätigkeit, die man sich hätte sparen können!“ Ich lächle
freundlich, damit sie denkt, ich hätte einen Witz gemacht und begebe
mich zur Teeküche. Die Maschinen sind aus. Als ich den Stecker des
Kaffeeautomaten suche, stelle ich fest, dass der herausgezogen und
die Steckdose mit einer abschließbaren Kindersicherung
verbarrikadiert wurde. Mist! Neben mir steht die griesgrämig
guckende Frau, die ich bei der Visite schon gesehen habe. „Weißt
Du, wann das Ding wieder angeschaltet wird?“ frage ich sie. Sie
antwortet nicht. Sie dreht sich einfach herum und verlässt die
Teeküche. „Was für ein unhöfliches Miststück!“ denke
ich mir. Und dann denke ich noch: „Aber eigentlich ist es doch
gar nicht schlecht, das einmal vorgeführt zu bekommen. Ich muss
nämlich gar nicht nett sein. Ich kann die Leute einfach links
liegenlassen, wenn ich sie blöd finde. Ich bin in der Klappse, da
wundert sich garantiert niemand. Ist doch eigentlich ziemlich gut so.
Da kann ich endlich mal üben, nicht nett zu sein.“
Viel später werde ich erfahren, dass diese spezielle Mitpatientin
taubstumm ist. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon so
gut im Nicht-Nett-Sein geübt, dass ich trotzdem weitergemacht habe.
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