Donnerstag, 3. November 2016

Tag 3. Ausbeute bisher: 1701 Wörter. Frau Meier macht sich.

Seit ich in der 1. Person Singular schreibe, ist Frau Meier viel mitteilungsfreudiger als vorher. Das finde ich gut und protokolliere fleissig, was ihr so im Kopf herumgeht.
Sie ist allerdings etwas sprunghaft und hüpft munter zwischen der Gegenwart, der Vergangenheit und ihren Suizidplanungen hin und her. Deswegen werde ich mich wohl erst einmal auf die eine oder andere Leseprobe beschränken; ich möchte ja, dass Sie zum Spaß herkommen. Arbeiten müssen die meisten von uns ja genug. 

Und hier ist sie. Die Leseprobe. Ich glaube, ich muss nichts drumherum erklären. Wenn doch, schreiben Sie mir.

Bitteschön:

Aber wenn ich schon einmal dabei bin, kann ich ja noch ein bisschen über andere Methoden nachdenken. Mal gucken – was gibt es denn noch?
Aufhängen ist definitiv nicht das Richtige. Erstens muss man da wilde Berechnungen anstellen, wie lang der Strick sein darf, damit man sich dann auch wirklich das Genick bricht und nicht erstickt. Da habe ich gar keine Lust drauf. Ist wahrscheinlich auch mit einfachem Dreisatz nicht zu machen. Und elend ersticken, von einem harmlosen Spaziergänger oder spielenden Kindern gefunden zu werden, blau angelaufen, mit heraushängender Zunge? Das braucht ja auch kein Mensch. Oder ich falle runter, hänge zu tief oder irgendsowas, und Tiere fressen an mir. Es soll ja schon auch ein bisschen hübsch aussehen.

Schlaftabletten oder überhaupt irgendwelche Tabletten sollen ja auch recht unangenehm sein. Glaubt man den einschlägigen Foren, werden die Leute immer nochmal wach, wollen dann ganz dringend weiterleben, können aber nicht mehr telefonieren. Wie blöd wäre das denn! Ich frage mich allerdings, woher die in den Foren das wissen, wenn die Selbstmörder doch gar nicht mehr telefonieren können. Auch so ein Rätsel des World Wide Web.
Ich könnte Tabletten mit Alkohol kombinieren. Aber das mache ich ja sowieso schon. Mir ist dabei noch nie etwas passiert, nicht einmal meine Leberwerte sind problematisch, wenn ich meinem Hausarzt glauben darf. Und da besteht ja auch die Gefahr, doch noch gefunden zu werden, aber eben erst, nachdem das Gehirn eine ganze Weile nicht mehr durchblutet worden ist, ich also Pflegefall wäre, die Krankenkasse sinnlos viel Geld kosten würde, weil ja keiner da ist, der… Hatte ich schon. Fällt auch weg. Ich will mich ja umbringen und nicht der Gesellschaft zur Last fallen.

Pulsadern aufschneiden. Der Klassiker. Ich habe auch genug Psychiatriefilme gesehen und Depressivenromane gelesen, um zu wissen, dass quer vielleicht schicker ist, längs aber effektiver. Man macht sich ja echt lächerlich, wenn man da so quer über das Ärmchen säbelt. Machen auch nur Frauen, glaube ich. Wahrscheinlich wollen die sowieso nur bedauert werden. Ich nicht. Aber ich müsste ja so tief schneiden, dass ich auch die richtigen Venen (Adern? Kann ich mir auch nicht merken. Egal.) aufschneide. Und das finde ich eklig. Ich kann ja noch nicht einmal meine Brust abtasten oder unter meinem Rippenbogen nach dem Zwerchfell suchen. Das finde ich auch eklig. Boah, mir wird schon bei dem Gedanken schlecht. Auch keine Alternative.

Schön wäre es ja, irgendeine Bank auszurauben, nach draußen zu stürzen, mitten in ein riesiges Polizeiaufgebot, mit einer Hand unter meine Jacke zu greifen, „Towanda!“ zu brüllen*, auf die Jungs und Mädels in Blau zuzustürzen und mich aus zwanzig oder mehr Revolvern erschießen zu lassen. Das Letzte, was ich hören würde, wäre: „Achtung, sie hat eine Waffe!“. Das wäre ein schöner Tod! Aber ich will mich ja spontan umbringen. Und jetzt hat auch keine Bank mehr auf. Trotzdem – wenn das heute nichts wird, hebe ich mir die Idee auf jeden Fall für später auf.

Irgendwo herunterspringen klappt nicht wegen meiner Höhenangst. Erstens möchte ich es ja schon auch ein bisschen schön haben beim Sterben und nicht zu allem Elend auch noch Todesängste ausstehen, zweitens käme ich auch gar nicht erst rauf. Treppen traue ich mich nicht, Fahrstuhlfahren ist mir zu gefährlich – die bleiben ja gern mal stecken. Dann sitze ich blöd da drin und muss so tun, als wäre ich zurechnungsfähig, wenn ich den Notrufknopf gedrückt habe.

Ins Wasser gehen kann ich auch nicht. Kann ich schon. Nützt aber nichts. Ich kann schwimmen. Und da stelle ich es mir recht anstrengend vor, sich selbst zu ersäufen. Ne, ist jetzt auch zu kalt.

Vor den Zug werfe ich mich auf gar keinen Fall. Entweder muss ich da auch irgendwo runterspringen, mich schon hinstellen und nicht wegrennen, wenn dann der Zug kommt (was ich für eine echte Herausforderung halte, ähnlich wie Ertrinken, wenn man schwimmen kann) oder mich von einem Bahnsteig stürzen. Das schaffe ich wahrscheinlich alles nicht. Und selbst wenn: Will ich denn wirklich dafür verantwortlich sein, dass der arme Zugführer berufsunfähig wird? Vielleicht seine Kinder schlägt, weil er nicht zur Therapie geht? Versucht, sich ebenfalls umzubringen?

Dann wäre da noch Erschießen. Ganz davon abgesehen, dass es für den glücklichen Finder auch nicht schön ist, wenn man sein Gehirn an die Wand schmiert, besteht die Gefahr, falsch anzusetzen und als sabbernder Pflegefall zu überleben. Da ich weder eine Pistole besitze noch genügend kriminelle Kontakte habe, um mir eine zu besorgen, scheidet das auch aus.

Mehr fällt mir nicht ein. Die Foren geben nichts her, und bei Gute-Frage-Net versuche ich es besser gar nicht erst. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Leben will ich aber trotzdem nicht mehr. Es macht mir einfach keinen Spaß, und ich habe es jetzt lange genug ausprobiert, finde ich. Könnte mir also bitte mal jemand verraten, wie man sich sozialkompatibel, ohne allzu großen Verlust von Körperteilen, möglichst schmerzfrei umbringen und dabei auch noch ein bisschen nett aussehen kann?

Verflucht! Da wäre ich doch fast von der Straße abgekommen! Meierchen, hör auf zu heulen und konzentriere Dich aufs Fahren – Du willst ja wohl keinen Unfall bauen oder womöglich den Führerschein loswerden, weil Du hier mit Wodka-Lemon während der Fahrt herumhantierst?

Was denke ich denn da? Ist doch völlig egal! Scheiße, mir geht es wirklich nicht gut. Was mache ich denn jetzt bloß? Ich kann ja wohl schlecht die Telefonseelsorge anrufen.

* „Towanda“ stammt nicht von mir. Das brüllt Evelyn Couch in „Grüne Tomaten“, als sie den Käfer der jungen Hühner rammt. Ich liebe dieses Wort. Es hat so etwas Aufrührerisches.

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