Montag, 21. November 2016

Tag 21. 26110 Wörter. 60 Seiten. Frau Meier geht es viel zu gut.

Heute ist es nur so geflutscht. Ich hatte mir irgendwann im Laufe des Tages ausgerechnet, dass ich gar keine 10 Tage mehr habe (heute mitgerechnet, für die Erbsenzähler unter Ihnen), sondern aufgrund meines neuen Broterwerbs nur noch 7. Das hat natürlich die täglich zu schreibende Wortmenge nach oben getrieben. Aber ich habe mich der Herausforderung gestellt und trotz Hundebetütterung, Laufen, Wäschewaschen (eine meiner Süchte, von denen ich vielleicht einmal bei den Randbemerkungen erzähle) und sozialer Interaktion sogar einen kleinen Vorsprung erwirtschaftet.

Ganz davon abgesehen, entwickeln meine Charaktere auf einmal ein gewisses Eigenleben, und ich bin gespannt, was sie im Laufe der nächsten Tage so tun. Frau Meier ist gut drauf, und das ärgert sie, wenn sie es merkt. Dann ruft sie sich zur Ordnung und erinnert sich daran, dass sie nicht zum Spaß, sondern wegen gelingendem Selbstmord da ist. 
Außerdem lernt sie eine weitere Pflegekraft kennen und geht kegeln.
Das Mittagessen war schlecht, aber was erwarten wir von Krankenhausessen? Bei den outgesourcten Dienstleistern scheint der Zusammenhang zwischen Genuss und Genesung ja noch nicht erkannt worden zu sein, und so versuchen sie stattdessen, den Genesungsprozess zu beschleunigen, indem sie die Patienten mit ihrem Essen bedrohen.

Darum ist die heutige Leseprobe eine Beschreibung des ersten gemeinsamen Mittagessens in der Klinikskantine.

Wir stellen uns in die Schlange vor dem Eingang, die Starkraucher rauchen noch schnell einmal auf Vorrat, da sie ja jetzt fast 30 Minuten ohne Qualm auskommen müssen. Dann öffnen sich die Türen, und wir schieben uns langsam voran. Vorn rechts kann ich ein Salatbuffet ausmachen, gar nicht mal so klein. Ich will gerade in die Richtung gehen, da hält mich Elke am Ärmel fest. „Lass das mal lieber bleiben, sonst musst Du Dich direkt hinten wieder anstellen.“ warnt sie mich. „Nimm Dir erst einmal ein Tablett. Das schiebe ich für Dich weiter, und Du kannst Dir Deinen Salat holen. Oder noch besser: Du nimmst erst Dein Essen und holst Dir dann den Salat.“ „Aber dann wird doch mein Essen kalt!“ wende ich ein. „Den Unterschied wirst Du kaum merken.“ vernehme ich die Stimme von Herbert direkt hinter mir.
Ich entscheide mich trotzdem für Variante 1, überlasse Elke mein Tablett und begebe mich zum Salatbuffet. Es gibt Tomaten, Gurken, kleingeschnippelte Karotten und Paprika, Mais, Weißkrautsalat, dann etwas, was nach Kartoffelsalat aussieht und nach Essig stinkt, außerdem Rote Beete aus dem Glas, irgendwelche Croutons und drei verschiedene Dressings. Ich lade mir von allem auf den Teller, was ich für essbar halte, verzichte auf das Dressing und trage meinen Teller zur Essensausgabe. Elke hat uns inzwischen auf die Plätze drei und vier vorgerückt, und so habe ich noch genügend Patienten vor mir, um das Prozedere beobachten zu können.
Man muss zuerst seine Station und dann seinen Namen sagen. Dann bekommt man sein Essen und einen Nachtisch. Zu manchen Essen gibt es noch etwas dazu, Brötchen zum Beispiel. Ich frage mich, wie die wissen können, was ich haben will. Dann frage ich Elke. „Ach, Du hast noch gar nicht angekreuzt!“ stellt sie fest. „Na, hoffentlich stehst Du bei denen überhaupt schon auf der Liste.“ „Es sind ja genügend Leute hier, die bestätigen können, dass ich auf der 9.3 bin.“ antworte ich. „Mach Dir da mal nicht allzu große Hoffnungen! Die sind hier extrem pingelig und behaupten immer, die Essen wären genau abgezählt.“
Elke nimmt ihre Mahlzeit in Empfang und verzichtet auf den angebotenen Fruchtjoghurt. Ich sage brav: „Station 9.3, Birgit Meier. Mit 'ei'.“ „Sie stehen nicht auf meiner Liste.“ rügt mich die dicke Dame mit dem weißen Häubchen auf dem Kopf. „Das kann daran liegen, dass ich gestern erst auf die Station gekommen bin und noch nichts angekreuzt habe.“ „Aha.“ Missbilligend blickt sie mich an, schafft es aber, einen Augenkontakt zu vermeiden. „Dann dürfen Sie sich ausnahmsweise etwas aussuchen. Aber gleich nachher sollten Sie auf Ihrer Station die Essensbestellung ausfüllen.“ Ich nicke, zeige auf ein Warmhaltebehältnis und sage: „Ich hätte gern die Kartoffeln mit etwas Gemüse.“ „Das geht so nicht!“ erklärt mir der Kantinendrachen. „Welches Menü wollen Sie?“ „Nummer zwei.“ sage ich verschüchtert und habe nicht den Schatten einer Ahnung, was ich da bestellt habe. Der Drachen stampft zu den Warmhaltebehältnissen, klatscht aus drei verschiedenen etwas auf einen Teller, was ich aufgrund des breiten Rückens aber nicht erkennen kann und knallt mir den Teller aufs Tablett. „Nachtisch?“ raunzt sie. „Nein, danke.“ Ich sehe zu, dass ich aus dem Bereich ihres bösen Blickes verschwinde. Auch das lauter werdende Murmeln in der Schlange hinter mir macht mir bewusst, dass ich auf diese Weise keine neuen Freunde finden werde.
Auf meinem Teller befindet sich eine riesige Portion Reis, der in einer Art Kräutersoße schwimmt, totgekochtes Mischgemüse und ein Stück ebenso toter Fisch. Ich probiere ein paar Happen, entscheide dann, dass ein Salat durchaus als vollwertige Mahlzeit durchgehen kann und schiebe das Tablett ein wenig von mir weg.
Willst Du das nicht?“ werde ich von rechts gefragt. Aha, Herbert hat noch Hunger. Erstaunlich, dass er als Koch nicht das Würgen bekommt. „Der Fisch ist heute aber auch wieder besonders lecker.“ freut er sich. Ich reiche ihm wortlos meinen Teller.

Keine Kommentare: