Ganz davon abgesehen, entwickeln meine Charaktere auf einmal ein gewisses Eigenleben, und ich bin gespannt, was sie im Laufe der nächsten Tage so tun. Frau Meier ist gut drauf, und das ärgert sie, wenn sie es merkt. Dann ruft sie sich zur Ordnung und erinnert sich daran, dass sie nicht zum Spaß, sondern wegen gelingendem Selbstmord da ist.
Außerdem lernt sie eine weitere Pflegekraft kennen und geht kegeln.
Das Mittagessen war schlecht, aber was erwarten wir von Krankenhausessen? Bei den outgesourcten Dienstleistern scheint der Zusammenhang zwischen Genuss und Genesung ja noch nicht erkannt worden zu sein, und so versuchen sie stattdessen, den Genesungsprozess zu beschleunigen, indem sie die Patienten mit ihrem Essen bedrohen.
Darum ist die heutige Leseprobe eine Beschreibung des ersten gemeinsamen Mittagessens in der Klinikskantine.
Wir stellen uns in die Schlange
vor dem Eingang, die Starkraucher rauchen noch schnell einmal auf
Vorrat, da sie ja jetzt fast 30 Minuten ohne Qualm auskommen müssen.
Dann öffnen sich die Türen, und wir schieben uns langsam voran.
Vorn rechts kann ich ein Salatbuffet ausmachen, gar nicht mal so
klein. Ich will gerade in die Richtung gehen, da hält mich Elke am
Ärmel fest. „Lass das mal lieber bleiben, sonst musst Du Dich
direkt hinten wieder anstellen.“ warnt sie mich. „Nimm Dir erst
einmal ein Tablett. Das schiebe ich für Dich weiter, und Du kannst
Dir Deinen Salat holen. Oder noch besser: Du nimmst erst Dein Essen
und holst Dir dann den Salat.“ „Aber dann wird doch mein Essen
kalt!“ wende ich ein. „Den Unterschied wirst Du kaum merken.“
vernehme ich die Stimme von Herbert direkt hinter mir.
Ich entscheide mich trotzdem für
Variante 1, überlasse Elke mein Tablett und begebe mich zum
Salatbuffet. Es gibt Tomaten, Gurken, kleingeschnippelte Karotten und
Paprika, Mais,
Weißkrautsalat, dann etwas, was nach Kartoffelsalat aussieht und
nach Essig stinkt, außerdem Rote Beete aus dem Glas, irgendwelche
Croutons und drei verschiedene Dressings. Ich lade mir von allem auf
den Teller, was ich für essbar halte, verzichte auf das Dressing und
trage meinen Teller zur Essensausgabe. Elke hat uns inzwischen auf
die Plätze drei und vier vorgerückt, und so habe ich noch genügend
Patienten vor mir, um das Prozedere beobachten zu können.
Man muss zuerst seine Station und
dann seinen Namen sagen. Dann bekommt man sein Essen und einen
Nachtisch. Zu manchen Essen gibt es noch etwas dazu, Brötchen zum
Beispiel. Ich frage mich, wie die wissen können, was ich haben will.
Dann frage ich Elke. „Ach, Du hast noch gar nicht angekreuzt!“
stellt sie fest. „Na, hoffentlich stehst Du bei denen überhaupt
schon auf der Liste.“ „Es sind ja genügend Leute hier, die
bestätigen können, dass ich auf der 9.3 bin.“ antworte ich. „Mach
Dir da mal nicht allzu große Hoffnungen! Die sind hier extrem
pingelig und behaupten immer, die Essen wären genau abgezählt.“
Elke nimmt ihre Mahlzeit in
Empfang und verzichtet auf den angebotenen Fruchtjoghurt. Ich sage
brav: „Station 9.3, Birgit Meier. Mit 'ei'.“ „Sie stehen nicht
auf meiner Liste.“ rügt mich die dicke Dame mit dem weißen
Häubchen auf dem Kopf. „Das kann daran liegen, dass ich gestern
erst auf die Station gekommen bin und noch nichts angekreuzt habe.“
„Aha.“ Missbilligend blickt sie mich an, schafft es aber, einen
Augenkontakt zu vermeiden. „Dann dürfen Sie sich ausnahmsweise etwas aussuchen.
Aber gleich nachher sollten Sie auf Ihrer Station die
Essensbestellung ausfüllen.“ Ich nicke, zeige auf ein
Warmhaltebehältnis und sage: „Ich hätte gern die Kartoffeln mit
etwas Gemüse.“ „Das geht so nicht!“ erklärt mir der
Kantinendrachen. „Welches Menü wollen Sie?“ „Nummer zwei.“
sage ich verschüchtert und habe nicht den Schatten einer Ahnung, was
ich da bestellt habe. Der Drachen stampft zu den
Warmhaltebehältnissen, klatscht aus drei verschiedenen etwas auf
einen Teller, was ich aufgrund des breiten Rückens aber nicht
erkennen kann und knallt mir den Teller aufs Tablett. „Nachtisch?“
raunzt sie. „Nein, danke.“ Ich sehe zu, dass ich aus dem Bereich
ihres bösen Blickes verschwinde. Auch das lauter werdende Murmeln in
der Schlange hinter mir macht mir bewusst, dass ich auf diese Weise
keine neuen Freunde finden werde.
Auf meinem Teller befindet sich
eine riesige Portion Reis, der in einer Art Kräutersoße schwimmt,
totgekochtes Mischgemüse und ein Stück ebenso toter Fisch. Ich
probiere ein paar Happen, entscheide dann, dass ein Salat durchaus
als vollwertige Mahlzeit durchgehen kann und schiebe
das Tablett ein wenig von mir weg.
„Willst Du das nicht?“ werde
ich von rechts gefragt. Aha, Herbert hat noch Hunger. Erstaunlich,
dass er als Koch nicht das Würgen bekommt. „Der Fisch ist heute
aber auch wieder besonders lecker.“ freut er sich. Ich reiche
ihm wortlos meinen Teller.
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