Sonntag, 20. November 2016

Tag 20: 22031 Wörter. Frau Meier lernt ihre Mitpatienten kennen.

Ich könnte mich jetzt mit einem kreativen Loch herausreden. Aber ich bin ein ehrlicher Mensch und lasse das bleiben. Erst war Geburtstag, dann kam Frollein Frieda und hat mit Recht sehr viel Aufmerksamkeit erhalten (mehr dazu: https://kleinfrieda.wordpress.com), und gearbeitet habe ich auch noch. So richtig gearbeitet, nicht nur mit meinem Kopf. Das war anstrengend und ungewohnt, aber ich bin guter Hoffnung, dass ich mich daran gewöhnen werde. Spaß macht es außerdem. Ehrliche Arbeit eben.
Frieda jammert jetzt nicht mehr, wenn ich mich in den ersten Stock verziehe, und eine sehr strenge Stimme hat mir gesagt, dass ich jetzt nur noch ein Drittel des Monats vor mir, aber deutlich weniger als die Hälfte der verlangten Wörter hinter mir habe. Jetzt ist Schluss mit Herumgammeln! Jetzt wird wieder geschrieben. Frau Meier musste ja auch dringend von der Station B3 weg.

Jetzt ist sie bei den Depressiven und hat die ersten Mitpatienten (davon einige mit Potential für kreative Suizidmethoden) und Pflegekräfte kennengelernt, festgestellt, dass das deutsche Gesundheitssystem nicht ohne hochdosierte Medikamente auskommt und gern die eine Suchterkrankung durch eine andere, ärztlich verordnete, ersetzt und findet das nicht gut. Aber das interessiert natürlich kein Schwein.

Dies sind die Damen und Herren, mit denen es Frau Meier zukünftig zu tun haben wird. Sehen Sie ihr bitte ihre teilweise recht garstigen und unfreundlichen Gedanken nach. Sie hat jahrelang allein gelebt und privat nur mit sich selbst geredet. Da fehlt das Korrektiv durch freundlichere Mitmenschen.

Wir befinden uns in der Vorstellrunde am Morgen des zweiten Tages auf der Station 9.3:

Achtung, es geht los, der leicht verplüscht aussehende ältere Herr zu meiner Linken lächelt mich freundlich an.
Ich heiße Kurt Egler, bin 59 Jahre alt, komme aus der Nähe von Wilhelmshaven und bin jetzt seit zwei Monaten hier. Ich habe eine depressive Phase und wollte mich umbringen, bevor ich kam. Jetzt wird es langsam besser.“ „Aha. Ein potentieller Selbstmordkandidat.“ notiere ich gedanklich. „Den muss ich später mal ansprechen.“
Ich bin Tanja Greulich.“ sagt eine übergewichtige und ungepflegt aussehende Mittdreißigerin. Der Name passt, finde ich. Mehr sagt sie nicht. Naja, wer so aussieht, kann sich auch hässlich umbringen. Uninteressant.
Dann kommen schon meine neuen Bekannten Herbert, Kai, Maik und Armin. Von Armin weiß ich ja noch nichts und erfahre jetzt: „Ich heiße Armin Kramer, habe schon seit langer Zeit Depressionen, mehrere Selbstmordversuche hinter mir und bin schon ziemlich lange hier. Am nächsten Wochenende fahre ich das erste Mal nach Hause.“ Wenn ich die Länge seiner Redebeiträge aushalten kann, könnte er als Gesprächspartner durchaus interessant sein.
Bodo Zindler.“ sagt ein sehr gutaussehender Mensch in Nike und mit einer meiner Ansicht nach völlig unpassenden Sonnenbrille auf dem Kopf. Es gießt nämlich schon den ganzen Vormittag in Strömen. Aber vielleicht ist das Ding dazu da, seine Haarpracht zu bändigen. Oder er macht einen auf cool.
Die nächsten sind Sieglinde und Elke, gefolgt von Johannes, Miriam und Gerwig. Da sind ja schon erste Kontakte geknüpft worden, und besonders von Elke erhoffe ich mir Input. Die macht einen extrem depressiven und suizidgefährdeten Eindruck.
Wieder ein älterer Herr: „Ich heiße Wladislaus Kaczinski. Ohne Y. Komme ich aus Kasachstan. Bin ich hier wegen Depressionen.“ Der Akzent ist nicht zu überhören. Mit dem brauche ich auch nicht zu reden, der bringt sich allenfalls mit größeren Mengen Wodka um. Das kann ich ohne Einhilfe.
Neben ihm sitzt ein sehr kleiner, streng blickender Herr um die sechzig. „Anton Müller. Depressionen. Rentner. Werde nächste Woche entlassen. Ist viel zu früh.“ teilt er in Telegrammformat mit.
Zu seiner Linken hat Svetlana Platz genommen. Sie nickt und lächelt und strickt und sagt keinen Ton.
Ich wohne mit Svetlana in einem Zimmer, gleich bei Dir gegenüber.“ Die Sprecherin lächelt freundlich in meine Richtung. „Ich heiße Silke, wohne im Randharz und war erst auf der Geschlossenen, weil ich mir die Pulsadern aufgeschnitten habe. Ich bin seit ein paar Monaten arbeitslos und habe vorher als Verkäuferin gearbeitet.“ Sehr gut. Silke sucht vielleicht auch nach einer vernünftigen Methode. Die werde ich auf jeden Fall ansprechen.
Die nächste Patientin hat sich das Gesicht sehr bunt gemacht und beim Hereinkommen einen (freundlich ausgedrückt) süßlichen Duft eines großzügig aufgetragenen, nicht allzu teuren Parfums verströmt. „Ich heiße Margarete, werde auch nächste Woche entlassen und mache mich dann gleich selbständig. Ich habe schon einen Laden gefunden, der Mietvertrag muss nur noch unterschrieben werden. Gleich hier um die Ecke ist der. Die haben hier nämlich noch keine Kinderboutique.“ informiert sie mich und vielleicht auch die anderen. „Aha. Manisch-depressiv und aktuell in der manischen Phase.“ diagnostiziere ich still für mich. „Die hat keine Selbstmordpläne, dazu ist sie viel zu aktiv.“
Der letzte Mann in der Runde: „Christian Fiege, selbständig, Depressionen. Außerdem muss ich gerade meine Firma auflösen, weil es wegen der Depressionen überhaupt nicht mehr lief. Hatte einen Laden für Kfz-Zubehör. Vielleicht mache ich nach meiner Entlassung online weiter. Leute kann ich echt nicht mehr um mich haben. Hier ist es schon schlimm genug für mich.“ Der Kerl spricht meinen aggressiven Anteil an. Auf dem Schild, das neonfarben über seinem Kopf aufleuchtet, steht, zumindest für mich gut sichtbar: „Schlag mich, ich bin ein Mobbingopfer!“ Mit dem rede ich besser nicht, sonst werde ich wegen Beihilfe zum Selbstmord verknackt.

So, jetzt kennen Sie alle!“ freut sich Frau Wohlgemuth. „Wollen Sie sich denn auch kurz vorstellen?“ Muss ich wohl. „Birgit Meier, 47 Jahre alt, seit fünf Tagen hier.“ Das muss reichen. Ich will ja etwas von denen wissen und nicht über mein demnächst zu beendendes Leben reden.


Keine Kommentare: