Frieda jammert jetzt nicht mehr, wenn ich mich in den ersten Stock verziehe, und eine sehr strenge Stimme hat mir gesagt, dass ich jetzt nur noch ein Drittel des Monats vor mir, aber deutlich weniger als die Hälfte der verlangten Wörter hinter mir habe. Jetzt ist Schluss mit Herumgammeln! Jetzt wird wieder geschrieben. Frau Meier musste ja auch dringend von der Station B3 weg.
Jetzt ist sie bei den Depressiven und hat die ersten Mitpatienten (davon einige mit Potential für kreative Suizidmethoden) und Pflegekräfte kennengelernt, festgestellt, dass das deutsche Gesundheitssystem nicht ohne hochdosierte Medikamente auskommt und gern die eine Suchterkrankung durch eine andere, ärztlich verordnete, ersetzt und findet das nicht gut. Aber das interessiert natürlich kein Schwein.
Dies sind die Damen und Herren, mit denen es Frau Meier zukünftig zu tun haben wird. Sehen Sie ihr bitte ihre teilweise recht garstigen und unfreundlichen Gedanken nach. Sie hat jahrelang allein gelebt und privat nur mit sich selbst geredet. Da fehlt das Korrektiv durch freundlichere Mitmenschen.
Wir befinden uns in der Vorstellrunde am Morgen des zweiten Tages auf der Station 9.3:
Achtung,
es geht los, der leicht verplüscht aussehende ältere Herr zu meiner
Linken lächelt mich freundlich an.
„Ich
heiße Kurt Egler, bin 59 Jahre alt, komme aus der Nähe von
Wilhelmshaven und bin jetzt seit zwei Monaten hier. Ich habe eine
depressive Phase und wollte mich umbringen, bevor ich kam. Jetzt wird
es langsam besser.“ „Aha.
Ein potentieller Selbstmordkandidat.“
notiere ich gedanklich. „Den
muss ich später mal ansprechen.“
„Ich
bin Tanja Greulich.“ sagt eine übergewichtige und ungepflegt
aussehende Mittdreißigerin. Der Name passt, finde ich. Mehr sagt sie
nicht. Naja, wer so aussieht, kann sich auch hässlich umbringen.
Uninteressant.
Dann
kommen schon meine neuen Bekannten Herbert, Kai, Maik und Armin. Von Armin weiß ich ja noch nichts und erfahre jetzt: „Ich heiße Armin
Kramer, habe schon seit langer Zeit Depressionen, mehrere
Selbstmordversuche hinter mir und bin schon ziemlich lange hier. Am
nächsten Wochenende fahre ich das erste Mal nach Hause.“ Wenn ich
die Länge seiner Redebeiträge aushalten kann, könnte er als
Gesprächspartner durchaus interessant sein.
„Bodo
Zindler.“ sagt ein sehr gutaussehender Mensch in Nike und mit einer
meiner Ansicht nach völlig unpassenden Sonnenbrille auf dem Kopf. Es
gießt nämlich schon den ganzen Vormittag in Strömen. Aber
vielleicht ist das Ding dazu da, seine Haarpracht zu bändigen. Oder
er macht einen auf cool.
Die
nächsten sind Sieglinde und Elke, gefolgt
von Johannes, Miriam und Gerwig. Da sind ja schon erste Kontakte
geknüpft worden, und besonders von Elke erhoffe ich mir Input. Die
macht einen extrem depressiven und suizidgefährdeten Eindruck.
Wieder
ein älterer Herr: „Ich heiße Wladislaus Kaczinski. Ohne Y. Komme
ich aus Kasachstan. Bin ich hier wegen Depressionen.“ Der Akzent
ist nicht zu überhören. Mit dem brauche ich auch nicht zu reden,
der bringt sich allenfalls mit größeren Mengen Wodka um. Das kann
ich ohne Einhilfe.
Neben
ihm sitzt ein sehr kleiner, streng blickender Herr um die sechzig.
„Anton Müller. Depressionen. Rentner. Werde nächste Woche
entlassen. Ist viel zu früh.“ teilt er in Telegrammformat mit.
Zu seiner Linken hat Svetlana Platz genommen. Sie nickt und lächelt und strickt und sagt
keinen Ton.
„Ich
wohne mit Svetlana in einem Zimmer, gleich bei Dir gegenüber.“ Die
Sprecherin lächelt freundlich in meine Richtung. „Ich heiße
Silke, wohne im Randharz und war erst auf der Geschlossenen, weil ich
mir die Pulsadern aufgeschnitten habe. Ich bin seit ein paar Monaten
arbeitslos und habe vorher als Verkäuferin gearbeitet.“ Sehr gut.
Silke sucht vielleicht auch nach einer vernünftigen Methode. Die
werde ich auf jeden Fall ansprechen.
Die
nächste Patientin hat sich das Gesicht sehr bunt gemacht und beim
Hereinkommen einen (freundlich ausgedrückt) süßlichen Duft eines
großzügig aufgetragenen, nicht allzu teuren Parfums verströmt.
„Ich heiße Margarete, werde auch nächste Woche entlassen und mache
mich dann gleich selbständig. Ich habe schon einen Laden gefunden,
der Mietvertrag muss nur noch unterschrieben werden. Gleich hier um
die Ecke ist der. Die haben hier nämlich noch keine Kinderboutique.“
informiert sie mich und vielleicht auch die anderen. „Aha.
Manisch-depressiv und aktuell in der manischen Phase.“
diagnostiziere ich still für mich. „Die
hat keine Selbstmordpläne, dazu ist sie viel zu aktiv.“
Der letzte Mann in der Runde:
„Christian Fiege,
selbständig, Depressionen. Außerdem muss ich gerade meine Firma
auflösen, weil es wegen der Depressionen überhaupt nicht mehr lief.
Hatte einen Laden für Kfz-Zubehör. Vielleicht mache ich nach meiner
Entlassung online weiter. Leute kann ich echt nicht mehr um mich
haben. Hier ist es schon schlimm genug für mich.“ Der Kerl spricht
meinen aggressiven Anteil an. Auf dem Schild, das neonfarben über
seinem Kopf aufleuchtet, steht, zumindest für mich gut sichtbar:
„Schlag mich, ich bin ein Mobbingopfer!“ Mit dem rede ich besser
nicht, sonst werde ich wegen Beihilfe zum Selbstmord verknackt.
„So, jetzt kennen Sie alle!“
freut sich Frau Wohlgemuth. „Wollen Sie sich denn auch kurz
vorstellen?“ Muss ich wohl. „Birgit Meier, 47 Jahre alt, seit
fünf Tagen hier.“ Das muss reichen. Ich will ja etwas von denen
wissen und nicht über mein demnächst zu beendendes Leben reden.
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